Wirtschaftliche Rahmenbedingungen
in den folgenden zwei Geschäftsjahren
Gesamtwirtschaftliche Entwicklung
Mit den ersten Rettungsaktionen der US-Notenbank Fed im März 2008 (Bear Stearns und JP Morgan Chase) deutete sich an, dass sich die Hypothekenmarktkrise (Sub Prime Krise) mittlerweile zu einer echten Finanzkrise ausgeweitet hatte, die auch innerhalb sehr kurzer Zeit Europa und die ganze übrige Welt erfasste. Die Folge der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 war ein massiver Vertrauensverlust, der gerade den Interbankenhandel faktisch zum Erliegen brachte. Die Kreditaufschläge erreichten innerhalb kürzester Zeit Rekordhöhen und die Immobilienpreise brachen auf breiter Front ein. Es kam zu Kursstürzen an den weltweiten Aktienmärkten. Nach letzten Schätzungen wurden innerhalb des letzten Jahres rund 2,2 Billionen Dollar an Wert vernichtet. Dieser immense Vermögensverlust führte zwangsläufig zu einem Rückkopplungseffekt auf die Realwirtschaft, die in einigen Regionen bereits im zweiten Quartal 2008 zu rückläufigen Wachstumsraten führte.
In einem ersten Schritt widmeten sich die nationalen Regierungen der Vertrauenskrise und stellten in Form von direkten Kapitalhilfen oder Bürgschaften Mittel zur Verfügung, um den Geldkreislauf zu stabilisieren. In den USA wurde den Banken anfänglich ein 700 Mrd US-Dollar schwerer TARP Fund (troubled assets relief program) bereitgestellt. Die Bundesregierung in Deutschland schuf den SoFFin (Sondervermögen Finanzmarktstabilisierung) mit einem Volumen von 500 Mrd €. England und Frankreich stellten ebenfalls umfangreiche Bürgschaften in Milliardenhöhe € bereit. Die wegen des Preisverfalls an den Rohstoffmärkten deutlich eingedämmte Inflationsgefahr ermutigte die Zentralbanken in den USA, in Europa und England zu deutlichen Zinssenkungen. Einerseits um die dringend benötigte Liquidität bereitzustellen und um andererseits das Vertrauen unter den Banken wieder herzustellen. Die Fed (Federal Reserve) senkte die Zinsen zuletzt auf 0 % bis 0,25 %, die EZB auf 2 % und die BoE (Bank of England) auf
Zusätzlich wurden von den nationalen Regierungen Investitionsprogramme in Milliardenhöhe aufgelegt. Allein die USA planen für 2009 etwa 800 Mrd US-Dollar im Wesentlichen in Infrastruktur, Nachhaltigkeit und Bildung zu investieren. Anfang 2009 verabschiedete der deutsche Bundesrat das zweite Konjunkturpaket im Umfang von 50 Mrd €. Damit beläuft sich das Gesamtpaket auf etwa 80 Mrd €. Außerdem wurden die Voraussetzungen für einen staatlichen Rettungsschirm für Industrieunternehmen in Höhe von 100 Mrd € geschaffen. Insgesamt schätzt der IMF die staatlichen Investitionsprogramme der G20 Länder auf 1,5 % des Bruttoinlandsprodukts. Als Nebeneffekt wird die Nettoverschuldung vieler EU-Mitgliedsländer im Jahr 2009 über die in den Maastricht-Kriterien festgeschriebene Grenze von 3 % steigen.
Dennoch steuert die Weltwirtschaft im Jahr 2009 auf eine Rezession zu: Das Wachstum der Weltwirtschaft wird aktuell vom IMF auf lediglich 0,5 % geschätzt und bedeutet gegenüber der letzten Prognose im November 2008 eine weitere Eintrübung der Wachstumsaussichten von 1¾ Prozentpunkten. Das Wachstum der Weltwirtschaft wird dabei nur noch von den jungen (emerging and developing) Volkswirtschaften getragen. Den reifen Industrienationen („advanced economies“) wird eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung von ca. 2 % vorhergesagt. Das wäre das erste Mal in der Nachkriegsgeschichte, dass sich die Wirtschaftsnationen in den USA, in Canada, Europa und Japan zeitgleich rückläufig entwickeln. Es ist wichtig anzumerken, dass alle Wirtschaftsinstitute explizit auf die hohe Unsicherheit ihrer Prognosen zum aktuellen Zeitpunkt hinweisen. Demnach werden Chancen für eine bessere Entwicklung gesehen, falls die nationalen Investitionsprogramme zu einer Belebung der Wirtschaftsaktivität führen. Die Risiken, dass eine länger anhaltende „Kreditklemme“ zu einer Verschärfung der Situation führen könnte, werden aber überwiegend betont.
Deutschland
In Deutschland soll die wirtschaftliche Abkühlung unter den großen europäischen Ländern am größten ausfallen. Der Rückgang der Wirtschaftsleistung wird bei 2,5 % gesehen. Die Bundesregierung hat mit zwei Konjunkturpaketen staatliche Maßnahmen zur Stützung der Wirtschaft für die kommenden beiden Jahre in Höhe von 80 Mrd € vorgesehen. Zur Stabilisierung der Automobilwirtschaft werden dabei die Kfz-Steuer für mindestens ein Jahr sowie eine Verschrottungsprämie bezahlt, wenn ein mindestens neun Jahre altes Fahrzeug durch einen Neuwagen ersetzt wird. Der sich zuletzt robust zeigende Arbeitsmarkt wird 2009 unter Konjunkturentwicklung leiden. Aktuell geht man von einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen um bis zu 500.000 aus. Positiv dürfte sich hingegen das deutlich gesunkene Inflationsrisiko bemerkbar machen.
Westeuropa/Euroraum
Die europäische Wirtschaft wird 2009 weiter schrumpfen. Für die zweite Jahreshälfte werden positive Signale erwartet, die durch das niedrige Zinsumfeld und die staatlichen Konjunkturprogramme begründet werden. Jedoch werden sinkende Immobilienpreise und die steigende Arbeitslosigkeit dämpfend auf die Konsumausgaben wirken. Die EZB-Leitzinsen sollten in naher Zukunft auf unter 2 % fallen. Parallel dazu sollte die Inflationsrate im Jahr 2009 sinken.
Zentral- und Osteuropa
Auch hier wird sich das Wirtschaftswachstum spürbar verlangsamen. Die Währungen haben seit Herbst 2008 zum Teil mehr als 25 % gegenüber dem Euro abgewertet. Während in Ländern wie Polen, Tschechien und der Slowakei ein positives Wirtschaftswachstum zu erwarten ist, wird für Ungarn eine Rezession erwartet. Insbesondere die Privathaushalte dürften hier unter der Abwertung der Landeswährung Forint leiden, da viele Immobilienkredite in Niedrigzinswährungen wie Schweizer Franken und Japanischer Yen aufgenommen wurden und sich erheblich verteuert haben. Die Inflationsraten dürften auch hier zurückgehen.
Russland
Russlands Devisenreserven haben sich bereits 2008 merklich reduziert, da die Zentralbank diese zur Stabilisierung der Landeswährung Rubel eingesetzt hatte. Sollten die Rohstoff- und Energiepreise auf dem niedrigen Niveau verbleiben, wird sich das Wirtschaftswachstum verlangsamen. Auch der Handlungsspielraum für die russische Regierung bezüglich staatlicher Konjunkturprogramme wird dadurch eingeschränkt sein.
USA
Die wirtschaftliche Lage in den USA dürfte sich erst wieder verbessern, wenn sich das Finanzsystem und die Immobilienpreise stabilisieren. Die US-Bürger werden im Jahr 2009 ihre Sparquote erhöhen, was weniger Konsumausgaben mit sich bringen wird. Die Explosion der öffentlichen Defizite ist bereits jetzt als Belastungsfaktor für die Zukunft zu sehen. Die Abhängigkeit der USA vom Zufluss ausländischen Kapitals wird sich weiter verstärken. Die Rezession wird sich wahrscheinlich das ganze Jahr 2009 fortsetzen und parallel eine sinkende Inflationsrate in Richtung null Prozent mit sich bringen. Die Arbeitslosigkeit wird weiter ansteigen.
Asien
Die exportorientierte japanische Wirtschaft leidet Anfang 2009 unter dem starken Yen. Steigende Arbeitslosigkeit wird das Konsumverhalten belasten. Ein Rückgang des BIP ist im Jahr 2009 zu erwarten.
In China wird von einem Wirtschaftswachstum größer 5 % ausgegangen. Dieses wird durch sinkende Zinsen und staatliche Konjunkturprogramme gestützt. Der Rückgang der Wachstumsrate hat auch positive Aspekte, da eine Überhitzung der chinesischen Konjunktur drohte.
Branchenentwicklung
Unsere wichtigsten Absatzmärkte sind das weltweite Geschäft mit Automobilherstellern einerseits und die Ersatzmärkte für Pkw- und Nutzfahrzeugreifen andererseits, insbesondere in West- und Zentraleuropa sowie in der NAFTA-Region. Das Erstausrüstungsgeschäft mit Herstellern von Automobilen hat einen bedeutenden Einfluss auf die Geschäftsentwicklung unserer Divisionen Chassis & Safety, Powertrain, Interior und ContiTech. Dagegen sind die Ersatzmärkte für Pkw- und Nutzfahrzeugreifen von wesentlicher Bedeutung für die Reifen-Divisionen.
Vor dem Hintergrund des zuvor beschriebenen Umfelds ist die Unsicherheit über die Entwicklung der Fahrzeugproduktion (Pkw, Kombifahrzeuge, Nutzfahrzeuge < 6 t) in 2009 groß. Die Schätzungen reichen von einem Rückgang der globalen Volumina von -10 % bis -25 %. Die untere Bandbreite würde bedeuten, dass ca. 14 Mio Fahrzeuge weniger produziert würden als 2008. Das entspräche dem Gesamtvolumen der in den USA im Jahr 2007 produzierten Fahrzeuge. Die ersten Daten für den Januar deuten an, dass der Rückgang der Fahrzeugproduktion im ersten Quartal noch deutlicher ausfällt als im vierten Quartal 2008. Aktuell muss mit mehr als 2,5 Mio weniger produzierten Fahrzeugen gerechnet werden. Eine seriöse Prognose für das Gesamtjahr nach den einzelnen Regionen oder auch für den Gesamtmarkt ist zum heutigen Zeitpunkt aufgrund der sich ständig verändernden Umfeldfaktoren (Währung, BIP, Konsumentenvertrauen, Arbeitslosigkeit etc.) nicht möglich. Chancen für eine bessere Entwicklung bilden die nationalen Unterstützungsprogramme, die im Wesentlichen in Form von Verschrottungsprämien (Deutschland, Frankreich Spanien und Italien) und/oder Steuererleichterungen gewährt werden (Deutschland, Großbritannien). Für die USA wird aktuell mit einer Fahrzeugproduktion in einer Bandbreite von 9,0 bis 11,0 Mio Fahrzeuge gerechnet. In Europa liegt die Spanne der Schätzungen bei 17,0 bis 19,0 Mio Einheiten. Die großen Streubreiten, die sich in den Prognosen gerade für das laufende Jahr aufzeigen, sind in der nachfolgenden Tabelle zusammengestellt. Die Schätzungen für das Jahr 2010 sind die Prognosen der genannten Quellen und spiegeln die Hoffnung auf eine Belebung der Fahrzeugproduktion im zweiten Halbjahr 2010 wider.
| Produktion Pkw, Kombifahrzeuge leichte Nutzfahrzeuge < 6 t* in Mio Stück | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| 2008** | 2009*** | 2010 | |||
| Westeuropa | 14,7 | 11,5-13,0 | 13,2 | ||
| Osteuropa | 6,4 | 5,5-6,0 | 6,2 | ||
| NAFTA-Region | 12,7 | 9,0-11,0 | 11,7 | ||
| Südamerika | 3,8 | 2,5-3,0 | 3,1 | ||
| Asien | 28,1 | 24,3-26,5 | 28,1 | ||
| Afrika und Mittlerer Osten | 1,6 | 1,0-1,7 | 1,7 | ||
| Gesamt | 67,3 | 53,8-61,2 | 64,0 | ||
| *Light Vehicles Quelle: Global Insight **vorläufige Schätzung ***Markterwartungen | |||||
| Produktion Nutzfahrzeuge > 6 t * in Tsd Stück | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| 2008** | 2009*** | 2010 | |||
| Westeuropa | 559 | 280-440 | 474 | ||
| Osteuropa | 206 | 180-200 | 204 | ||
| NAFTA-Region | 366 | 275-290 | 408 | ||
| Südamerika | 195 | 155-180 | 158 | ||
| Asien | 1.362 | 1.290-1.300 | 1.388 | ||
| Gesamt | 2.689 | 2.180-2.410 | 2.632 | ||
| *Heavy Vehicles Quelle: Global Insight **vorläufige Schätzung ***Markterwartungen | |||||
| Absatz im Ersatzgeschäft Pkw-Reifen (inkl. Reifen für leichte Nutzfahrzeuge und allradgetriebene Fahrzeuge) | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| in Mio Stück | 2008* | 2009 | 2010 | ||
| West-und Zentraleuropa | 275,5 | 270,0 | 274,7 | ||
| NAFTA-Region | 262,9 | 252,2 | 254,6 | ||
| Asien | 212,9 | 218,9 | 231,0 | ||
| Quelle: LMC World Tyre Forecast, 2008 *vorläufige Schätzung | |||||
| Absatz im Ersatzgeschäft Lkw-Reifen | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| in Mio Stück | 2008* | 2009 | 2010 | ||
| West-und Zentraleuropa | 19,2 | 18,6 | 18,9 | ||
| NAFTA-Region | 19,1 | 18,2 | 18,6 | ||
| Asien | 60,4 | 62,0 | 64,9 | ||
| Quelle: LMC World Tyre Forecast, 2008 *vorläufige Schätzung | |||||
Auch über die Entwicklung der Nutzfahrzeugmärkte herrscht im Jahr 2009 große Unsicherheit. Marktbeobachter und Branchenführer halten einen Produktionsrückgang von 30 bis 50 % in Europa für möglich. Auch in den USA liegen die Prognosen weit auseinander. So reichen die Schätzungen für die Fahrzeugmärkte Class 8 zwischen 130.000 bis 170.000 Einheiten für das Jahr 2009. Ein nennenswerter Vorzieheffekt, der sich aus der Änderung der Umweltbestimmungen ab dem Jahr 2010 ergeben könnte, wird für das laufende Jahr wegen der schweren Wirtschaftskrise in den USA nicht erwartet. Für den Gesamtmarkt in den USA wird aktuell mit einem Rückgang der Produktion von bis zu 25 % für die Truck Segmente Class 5-8 gerechnet. Erfüllen sich die Erwartungen, die eine Erholung der Wirtschaft im Jahr 2010 sehen, dann dürfte es aufgrund der extrem niedrigen Basis insbesondere in den USA zu einem deutlichen Anstieg der Nutzfahrzeugproduktion kommen. Auch in Europa dürfte dann mit einer Erholung des Marktes gerechnet werden.
Generell ist aus dem Verlauf der letzten 10 bis 15 Jahre zu beobachten, dass die Ersatzreifenmärkte für Pkw weniger starken Schwankungen unterworfen sind als die Fahrzeugproduktion. Die sich stabilisierende Fahrleistung in Europa und den USA, als Folge der gesunkenen Benzinpreise, stützt diese Einschätzung ebenso, wie die Tatsache, dass Reifen ab einem bestimmten Abnutzungsgrad ersetzt werden müssen. So gehen wir aktuell davon aus, dass der europäische Markt im Jahr 2009 sich um etwa 2 % rückläufig entwickeln wird. Für die USA erwarten wir nach dem teils deutlichen Rückgängen im Jahr 2008 abermals einen Rückgang um ca. 4 %. Die gesunkenen Benzinpreise, die wieder gestiegene Fahrleistung und die Schwäche des Marktes seit Beginn dieses Jahrhunderts lassen eine Erholung im Jahr 2010 wahrscheinlich erscheinen.
Für die Märkte in Asien rechnen wir in den kommenden beiden Jahren mit steigenden Volumina.
Trotz des zum Teil deutlichen Einbruchs des Ersatzgeschäfts mit Lkw-Reifen im Jahr 2008, ist für 2009 nicht mit einer Erholung der Volumina zu rechnen. Erst für das Jahr 2010 wird wieder von einem leichten Wachstum in allen Regionen ausgegangen.
Rohstoffmärkte
Der deutliche Verfall der Preise an den Rohstoffmärkten dürfte sich im Jahr 2009 nicht in dem Maß fortsetzen, wie er insbesondere im vierten Quartal des Jahres 2008 zu beobachten war. Bei einer Stabilisierung der Weltwirtschaft, die ab der zweiten Jahreshälfte für möglich gehalten wird, ist sogar wieder mit steigenden Rohstoffpreisen zu rechnen.
